
Nachdem vor einigen Wochen durchsickerte, das der Berliner Mundharmonikastammtisch ein Harp-Wochenende mit Workshops und Session machen würde,war für Bertram und mich klar, das wir diesem leicht entfernen Ruf folgen würden.
Die anfänglichen Gespräche zwischen Markus Kunz und Bertram Becher wandelten sich fix in die Idee des offiziellen Austauschs zwischen Berlin-Münster um. Da war für uns kein Halten mehr. Das Bertram und ich als Delegation gen Berlin fahren würden war so sicher wie die Butterschlieren im Nutellaglas.
Es wurde Urlaub eingereicht und der Schlafplatz organisiert. Und dann ging es am Freitag los. Bertram stapelte seinen Hyperamp neben meinen Mini-Meat in den Kofferaum seines Viersitzers und schon sausten wir ab 10.03 Uhr Richtung Hannover, um dort Andre und Andi abzuholen. Was uns auch gelang. Die Hinfahrt war geniert mit einer handvoll tränentreibender Witze, dem Gedudel von Harps zu Playalongs und zwischendurch immer ein fetter Batzer auf der Frontscheibe eines unaufmerksamen Brummers. Die Sonne war unser Begleiter, nicht nur im Herzen.
Abends checkten wir bei Markus Kunz ein. Die Wohnung wurde als gemütlich, warm und großzügig gestaltet bewertet. Dort nisteten sich dann Andi, Andre, Arnd und Daniel ein. Wir wurden gleich mit allerlei Naschzeug in flüssiger und fester Form versorgt. Gastfreundschaft ist in Berlin ein hohes Gut.

Chemisch und klinisch munter traf man sich beim Berliner Mundharmonika-Stammtisch zu einer in diesen Kreisen recht üblichen Schnakel- und Austauschrunde. Der eine kannte bereits den einen oder anderen, der andere den einen noch nicht und überhaupt gab es ein geselliges Durcheinander von Leuten die Ahnung haben. Es gab auch multistrumental gefärbte Charkter die sich den Griff zur Gitarre nicht verbieten ließen, zur Freude aller, denn die "Silberfische" wurden windhundschnell an die Lippen geführt.( Das einzig negative bei Harp-Treffen ist der Umstand, das alle spielen wollen. Und zwar gleichzeitig.)
Der Freitagabend ging für die meisten fliessend in den Samstag über. Wer noch den Vorteil jugendlicher Haut vorzuweisen hat, konnte mit Ausdauer glänzen. Mich hat es stattdessen in die senkrechte Schlafposition gedrückt. Ohne Alloholl versteht sich. Bilanz also für alle: zu wenig Schlaf.
Am Samstag Morgen hielten Sören Birke und Adam Sikora einen Workshop über den Country Blues Harmonica Stil eines Sonny Terry, DeFord Bailey, Kyle Wooten oder Jaybird Coleman ab.
Mir gefiel die historische Einführung von Sören, längst war mir vieles nicht bekannt. Der Country-Blues nahm lange Zeit eine Nischenstellung ein. Mein Eindruck aber ist, das dieser Bereich des Blues im Kommen ist und sich immer Mehr damit auseinandersetzen.
Es gibt so gut wie keine deutschen Spieler, die ein Sonny Terry Stück sehr nah am Original interpretieren können. Adam Sikora ist eine wohltuende Ausnahme, wenn auch nicht deutscher Herkunft.
Rein musikalisch bin ich doch sehr anspruchsvoll. Ich glaube an die Magie der richtigen Sekunde, an die Eroberung des Moments durch Präzision. Adam Sikora macht es vor - das Timing, die lautmalerische Betonung, das Anspielen oder Weglassen von Tönen, die rhythmische Begleitung(!), das Vorhandensein von Wissen und die Umsetzung von streng Gelerntem. Meisterhaft und selten.
Am Samstag Nachmittag traf man sich aber auch zum Amptest in der Machinenhalle. Ungefähr 15 Amps unterschiedlichster Größe und Preisklasse wurden fein sortiert nebeneinander aufgebaut. Markus Kunz spielte jeden Amp einzeln an, um so etwas wie einen Vergleichsteppich audiophiler Art zu knüpfen.Das ewige fragende und furchenziehende Harpergesicht war auch dort in der Runde vorzufinden. Selektive Wahrnehmung, gesundes oder kaputtes Ohr, Aufmerksamkeit oder die bloße Anwesenheit oder Abwesenheit von persönlichem Geschmack brachte nicht DEN Amp zum Vorschein. Alle hatten ihre Vor- und Nachteile.
Es gibt sie nicht, die Empfehlung für die Wahl eines Amps. Ebenso das Handling von Mikrofonen. Was für den einen unspielbar ist, ist für den anderen eine tränendrüsenöffnende Offenbarung.
Ich kann es nur wiederholen und ich hoffe, das es sich so langsam in die Köpfe aller Harper bohrt: Der Spieler macht den Ton. Ich glaube Daniel hat es auf den Punkt formuliert: Shit in - Shit out! Aber es war spannend und schön mal was ausprobieren zu dürfen.
Mit einem kollektiven Frischwärtsoptimismus ging es dann abends in die vorbereitete Session.Moment! Vorbereitete, also geplante Session ? Geht das überhaupt ? Naja, was wie ein Paradox klingt hat sich aber in der Praxis bewährt. Die Kunst war es viele harper unter einen Hut zu bringen. Die Zeit klebt einem im Nacken, da muss etwas Organisation her. Daher war es sogar gut, das man vorher die Gelegenheit hatte, mit der Band ein für sich passendes Stück heraus zu proben.
Markus Kunz legte mit Andrè und seinen Musikern ein 1/2-stündiges Set vor. Das war Blues und Country, aber auch gewagter Rock. Nicht alles verlief reibungslos, aber HEY! Das ist Spaß pur.Überhaupt: die Vielfalt an unterschiedlichsten Harpern konnte an diesem Abend nicht größer sein. Ohne jetzt zu sehr ins Detail zu gehen, aber da waren ganz große Sachen dabei. Adam Sikora klatschte langlöffelig einen satten Beat aufs Knie, spielte dazu handlosen Harpblues - eine Ohrenweide. Löffel gab es auch bei Detlef Grobba, sein Mitmusiker Johnny spielte die Löffel wie ein wild gewordener Derwisch. DAS ist alte und traditionelle Kunst. Sieht man hier leider nicht oft.
Hier höre ich jetzt auf zu berichten. Berlin war super, die Leute klasse und die Stimmung eine Verdichtung von kosmischen Staub. Äh, oder so ähnlich. Berlin hat es drauf und zeigt sich von seiner besten Seite und das ohne viel Anstrengung. Münster ist als Provinz andere Formate gewöhnt, aber wenn eins klar ist, dann die Rückkehr in die Blues Harp Szene von Berlin.
Ich hoffe die Bilder und Videos geben etwas von dem wieder, was der verpasst hat, der nicht dabei sein konnte.













